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MmM Artikel „Kälthetherapie“

Kaelthetherapie 1

Es begann an einem Samstag Anfang Februar.

Zu den per Fernsehen, Radio und Internet übermittelten Nachrichten über Inzidenzzahlen, Lockdowns und Virenmutation gesellte sich noch eine Unwetterwarnung der Alarmstufe Rot: Der Deutsche Wetterdienst warnte in Zusammenhang mit einer seltenen Konstellationen von Luftmassengrenzen vor gefrierendem Regen, Blitzeis und anschließendem Dauerschneefall.

Die rund 1.000 Einwohner des Dorfs Mühlrath, gelegen in einem abgelegenen, nur über eine einzige Straße erreichbaren, zerklüfteten Tal der Eifel, verhielten sich daher wie viele andere Bürger der Bundesrepublik: Sie kauften in der kleinen Edeka-Filiale noch einmal großzügig ein und leerten vor allem die Regale für Toilettenpapier sowie für Konserven und Desinfektionsmittel aller Art. Auch Mehl, Hefe und Backpulver waren bald ausverkauft.

In der Nacht zum Sonntag, als die Luftemperatur schon weit unter den Gefrierpunkt gesunken war, kam der Eisregen. Auf den kalten Metalloberflächen der Träger von Hochspannungsleitungen und Übertragungsmasten für Mobilfunknetze gefroren die Regentropfen sofort und bildeten im Laufe weniger Stunde gewaltige Eispanzer. Unter der tonnenschweren Last begann sich das beanspruchte Metall zu biegen und folgte der Schwerkraft. Am nächsten Morgen waren die Hochspannungsleitungen gerissen und der einzige Mobilfunkmast zur Abdeckung des Ortes Mühlrath umgeknickt.

Von da an gelangten keinerlei Nachrichten mehr aus oder nach Mühlrath. Straßenverkehr war auf den eisglatten Straßen nicht mehr möglich und der Winterdienst war zunächst mit Streuarbeiten auf wichtigeren Strecken ausgelastet.

Dann kam der Schnee.

Den ganzen Sonntag schneite es und gegen Abend betrug die Schneehöhe überall 30 Zentimeter und mehr. Am Montag ging der Dauerschneefall in Schneeschauer mit starken Böen über. Stellenweise schob der Wind den Schnee zu unüberwindbaren, meterhohen Wällen zusammen. Als der Schneefall am Dienstagmorgen vorübergehend aufgehört hatte, begannen die Mühlrather, die Zugänge zu ihren Häusern freizuschaufeln. Dabei kamen auch Nachbarn, die sich seit Monaten gar nicht mehr gesehen oder nur noch flüchtig durch ihre Hygienemasken hindurch gegrüßt hatten, miteinander ins Gespräch. Man unterhielt sich wieder ohne Angst vor dem Anderen. Im Gegenteil war der Andere wieder wichtig; ein Helfer in der Not, mit dem man gemeinsam den Schnee wegschaufelte, um sich gegenseitig besuchen und helfen zu können. Da man ohne Elektrizität sonst nichts tun konnte, besuchte man sich wieder gegenseitig – zu zweit, zu dritt bald auch mit mehreren Personen; egal aus welchen und wie vielen Haushalten.

Angst vor der Polizei oder dem Ordnungsamt hatte man nicht. Kein Ordnungshüter konnte durch die meterhohen Schneeverwehungen dringen, die das Dorf von der Außenwelt abschnitten. Tagelang legte sich ein nebliger Dunst über das Tal, so dass auch Hubschrauber keine Chance hatten, Mühlrath zu erreichen.

Diejenigen, die einen holz- oder kohlebetrieben Ofen oder offenen Kamin hatten, improvisierten, bauten Kochstellen und kochten für ihre Mitbürger mit. Andere steuerten Nahrungsmittel, wieder andere Brennholz bei. Abends saßen Junge und Alte zusammen am wärmenden Feuer, erzählten sich Geschichten oder sangen zusammen.

Bald vergaßen sie die Nachrichten über Viren, Tests, Impfungen und sonstige Maßnahmen.

Dann kam der erste Grippekranke. Eine 88-jährige Frau litt an Fieber und Husten. Der Dorfarzt kam, hörte sie ab, verordnete ihr Bettruhe und gab ihr ein Antibiotikum aus seinen restlichen Beständen. Nach und nach litten auch rund ein Dutzend anderer Mühlrather verschiedenen Alters an verschiedenen Grippe-Symptomen. Da erinnerten sich einige wieder an die Nachrichten der vergangen Wochen und Monate und forderten, die Kranken zu isolieren. Andere wiederum sagten, man dürfe die Kranken nicht alleine lassen; im Kreise ihrer Familien würden sie am besten genesen. Man einigte sich auf einen Kompromiss auf Grundlage des gesunden Menschenverstands; wer krank war, solle zu Hause bleiben und die Familienmitglieder einfach etwas Abstand zu den anderen wahren. Die 88-Jährige Frau, die schon seit Jahren an einer schweren Atemwegskrankheit litt, starb nach zwei Wochen. Aber sie starb so wie sie es sich immer gewünscht hatte – zu Hause und im Kreise ihrer Familie. Sie konnte von ihren Kindern und Enkeln Abschied nehmen. Zu ihrer Beerdigung kamen fast alle Dorfbewohner; bei der vorangegangenen Andacht in der Dorfkirche mit den nächsten Verwandten und Freunden wurde wieder gesungen. Es war ein würdiger Abschied.

Danach sammelten die Mühlrather den Schnee mit Schubkarren ein und entluden ihn auf einer Halde auf der Straße am Ortseingang.

Bald war auf der einzigen Zufahrtsstraße ein so hoher Wall errichtet, dass es auch bei einsetzender Schneeschmelze noch viele Tage dauern würde, bis das Dorf wieder von außen erreichbar war.

Einige Einwohner plünderten den kleinen Dorfsupermarkt und verteilten die verblieben Lebensmittelbestände unter den Einwohnern. Es würde noch viele Wochen reichen.

In einer Nacht verbrannten die Einwohner die Masken feierlich in einem Lagerfeuer auf dem Dorfplatz.

Eines Tages, etwa vier Wochen nach der Wetterkatastrophe (es musste eine wirklich gewaltige Katastrophe gewesen sein, die Polizei- und Rettungskräfte wochenlang anderweitig band) schwebte ein Polizeihubschrauber über dem Dorf. Über Lautsprecher wurde verkündet, dass Rettung im Anmarsch sei und Versorgungsgüter bis dahin per Luft abgeworfen würden. Gerne nahmen die Mühlrather die in den nächsten Tagen abgeworfenen Lebensmittel, Decken, Batterien und Medikamente entgegen. Die in den Paketen ebenfalls enthaltenen FFP2-Masen wurden hingegen nur noch als Kaminanzünder verwendet.

Als schließlich der Durchbruch kam, blieben die Mühlrather bei den Verhaltensweisen der letzten Wochen. Zwei oder dreimal fuhr das Ordnungsamt Streife und stellte einige größere Gruppen von Spaziergängern zur Rede, um deren Personalien aufzunehmen. Doch in solchen Situationen gesellten sich stets hunderte weiterer Dorfbewohner hinzu und drängten die Ordnungshüter aus dem Dorf. Bald gab es hier keine Kontrollen mehr.

Nach einigen Monaten kam ein Team aus Virologen und Psychologen ins Dorf, um hier einige Studien durchzuführen.

Laut Virologen war die Mehrzahl der Einwohner Corona-positiv. Doch die Psychologen stellten fest, dass es unter 1.000 Einwohner nirgendwo sonst so wenige psychische Erkrankungen gab. Einige Jahre später wurde aus Mühlrath „Bad Mühlrath“. Da die Bürger beschlossen hatte, dass es hier weiterhin keine Elektrizität mehr geben sollte, kannten sich die von den Nachrichten krank gemachten Menschen hier einige Wochen wirklich erholen. Die Therapie der psychischen Gesundung durch Nachrichtenentzug ging als „mühlrathen“ in die Medizinbücher ein.

Die Mühlrather aber waren und blieben die glücklichsten Menschen in der gesamten Bundesrepublik.

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